MedienGrass 2007

Internationaler Kongress: „MedienGrass“
28. bis 30. September 2007, Jacobs University Bremen

80. Geburtstag von Günter Grass

Tagungsprogramm (pdf)

Dokumentation der Tagung im Buch „Die Medien und Günter Grass“, hrsg. von Hanjo Kesting, siehe Publikationen.

Videos aller Beiträge des Kongresses finden Sie als Stream in unserer Webdatenbank

Den 80. Geburtstag von Günter Grass würdigte die Günter Grass Stiftung Bremen gemeinsam mit der Jacobs University Bremen mit einer internationalen Tagung und einer Ausstellung von Mediendokumenten und Originalarbeiten von Günter Grass. Die internationale Tagung „MedienGrass – Rezeptionsmodelle im In- und Ausland“ zeigte, wie Grass über Jahrzehnte in den Medien verschiedener Länder aufgenommen wurde.

Mittlerweile sind Werk und Leben des politisch engagierten Literaturnobelpreisträgers Günter Grass Anlass für heftige Debatten in den Medien gewesen, wie bei kaum einem seiner Zeitgenossen. Die Ausstellung präsentiert Audio- und Videodokumente sowie Graphiken von Günter Grass.

Überhört in den nationalen Debatten wurde weitgehend, dass Günter Grass auch eine international gewichtige literarische und politische Stimme ist. So wie er sich als engagierter Bürger in innerdeutsche Debatten eingeschaltet hat, so hat er auch in internationalen Fragen immer wieder Stellung bezogen.

Im Rahmen der Tagung vermittelten Referenten aus den USA, Russland, Ägypten, Spanien, Irland und England die Rezeption des Werkes von Günter Grass und die Positionen des Bürgers Günter Grass in ihren Ländern an Hand von Medienbeiträgen aus Funk und Fernsehen. Von deutscher Seite wurde die Medienrezeption in Polen, Deutschland und China bewertet. Die Tagung reichte über die reine literaturwissenschaftliche Bedeutung in die Medien- und Zeitgeschichte hinein.

Zusammen mit der Tagung wurde zum gleichen Thema eine Ausstellung im Kulturhaus Stadtwaage, Langenstraße 13, eröffnet. Mit ganz frühen Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren bis heute präsentiert das Archiv an Monitoren und Hörstationen die Debatten um Günter Grass in Features, Interviews und Kommentaren. Weiterer Bestandteil der Ausstellung ist die bildkünstlerische Auseinandersetzung von Günter Grass mit den öffentlichen Debatten in Zeichnungen, Lithografien und Radierungen. Über die Auseinandersetzung um seine Person hinausreichend, ist die Ausstellung ein Stück Zeitgeschichte in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland.
Mit insgesamt 500 Teilnehmern ging der internationale Kongress „MedienGrass“ am Sonntag, dem 30. September, zu Ende. Zwei Tage lang, seit Freitag, hatten sich Grass-Experten aus Ägypten, China, England, Irland, den USA, Spanien und Deutschland über die internationale Grass- Rezeption in den Medien ausgetauscht. Ein Podiumsgespräch und im Anschluss eine Lesung mit Günter Grass waren am Sonntag der Abschluss der Tagung.

Aus Ägypten, Maggy Rashid, war zu hören, dass Grass vor allem als politische Instanz und als „mutiger Mann“ hoch geschätzt und gerne auch zitiert wird, wann immer es gegen Amerika oder Israel passt. In China, Irmy Schweiger, gilt Grass als „Mann, der die Wahrheit sagt“ und genießt dort ebenfalls höchste Anerkennung, Auch die „Zwiebel-Debatte“ wird in China ganz anders aufgefasst als in Deutschland: man begreift es dort als Stärke, dass er nach so langen Jahren des Schweigens nun „die Wahrheit sagt“. In Spanien hat die Grass’sche Autobiografie den Dichter Javier Marias dazu veranlasst, nach dem Beschweigen der Franco-Diktatur zu fragen und hat damit eine Debatte ausgelöst, wie Manuel Aleman berichtete. In den USA trennte man zwischen dem Buch und dem so genannten „Geständnis“. Ersteres wurde gelobt, aber die Zugehörigkeit zur Waffen-SS war und blieb ein Reizthema. In Irland ist Grass in der Nachfolge von Heinrich Böll der angesehenste deutsche Dichter, dort interessierte das „Geständnis“ kaum jemanden.

Julian Preece verwies darauf, wie Grass in der 68er Literatur als Romanfigur Eingang fand, Florian Reinartz hatte die Internet-Foren ausgewertet, in denen sich die Debatte in den Medien widerspiegelte und Dieter Stolz hatte anhand der Chronologie des Erscheinens von „Ein weites Feld“ die Politik der Medien dargestellt. Anselm Weyer machte die Diskrepanz zwischen den schnelllebigen Tagesmedien und der Nachhaltigkeit der Literatur deutlich.

Besonderen Anlass zur Debatte bot Gunther Nickel mit seinem Vergleich: Walser-Grass-Handke, in dem er das gleiche Vorgehen offen legte: die außerliterarische Debatte vor dem Erscheinen des Buches zu führen. Dass Handke ebenfalls hier eingereiht wurde, erschien einigen Teilnehmern unangemessen.

Vor dem Podiumsgespräch las Günter Grass aus “Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus“, ein Roman von 1980, in dem er den demografischen Wandel vorausschauend ironisch aufs Korn nahm.

Auf dem Podium am Sonntag begegneten sich Joachim Treusch, Physiker und Präsident der Jacobs University, Jutta Limbach, Präsidentin Goethe-Institut, Per Øhrgaard, Business School Kopenhagen, Eckhard Fuhr, DIE WELT, Hendrik Birus, Germanist und Komparatist und Harro Zimmermann als Moderator. Das Gespräch zentrierte sich um die unterschiedlichen Zugänge zu dem Grass’schen Werk. Während für Joachim Treusch, das ganzheitliche Sensorium von Günter Grass, das es ihm ermöglicht, Zukunftsentwicklungen zum Teil früher zu erkennen als die Naturwissenschaft, besonders spannend ist, ist für den Komparatisten Hendrik Birus der „Weltautor Grass“ von besonderem Interesse. Jutta Limbach hingegen erzählte, wie befreiend die „moralinfreie Blechtrommel“ für sie gewesen sei und Eckhard Fuhr erinnert daran, dass Grass zu der Generation der Schriftsteller gehöre, die das „demokratische Schwarzbrot gebacken“ hätten.

Die abschließende Lesung von Günter Grass wurde mit lang anhaltendem Beifall gefeiert.

Freitag:

Eröffnung im Rathaus zu Bremen: die Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz und der Vorstandsvorsitzende der Günter Grass Stiftung Bremen Dieter H. Berghöfer

Eröffnungsvortrag: Dr. Dieter Stolz: „Ein weites Feld“ und keine Ende… (D)

Prof. Dr. Manfred Thaller: Das digitale Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen als Bestandteil der Europäischen Digitalen Bibliothek (D)

Prof. Dr. Julian Preece: Literarische Portraits von Günter Grass

Dr. Anselm Weyer: Der Ruhm als Untermieter. Die Genese des ‚öffentlichen Grass‘ in Fernsehen und Rundfunk (D)

Freimut Duve, ALBATROS-Jurymitglied

Samstag:

Eröffnung am Samstag

Prof. Dr. Hendrik Birus, Dean of Humanities, Arts and Social Sciences of Jacobs University
Donate Fink, Geschäftsführerin Günter Grass Stiftung Bremen

Priv.-Doz. Dr. Gunther Nickel: Kein Einzelfall – Ein Vergleich der medialen Kampagnen gegen Günter Grass, Peter Handke und Martin Walser

Florian Reinartz, M.A.: Grass im Internet – eine öffentliche Diskussion (D)

Dr. Rebecca Braun: Outfoxing the Media: Reflections on Authorship and the Public Sphere in Grass’s Recent Work (D)

Prof. Dr. Wolfgang Schlott: Politischer Störenfried, kaschubischer Rabelais, Danziger Don Quichote: Verwerfungslinien in der polnischen Grass-Rezeption von 1963 bis 2006

Univ. Doz. Dr. Gennady Vassiliev: Günter Grass: Geschichte der Rezeption in der Sowjetunion und in Russland (D)

Dr. Irmy Schweiger: Günter Grass in China. Von der Kulturrevolution bis zur Wirtschaftswunderwelt – chinesische Lektüren eines Nobelpreisträgers

Dr. Joachim Fischer: Aspects of the Grass reception in Ireland (D)

Dr. Maggy Rashid: Günter Grass in der arabischen Presse – Zur Rezeption von Grass’ Werken und seinen Äußerungen zu kulturellen und weltpolitischen Fragen (D)

Prof. Dr. Richard E. Schade: „Grass’s Shame, Germany’s Shame“ – Coverage of the Waffen SS Revelation in American Media

Prof. Dr. Manuel Maldonado Alemán: „Erinnerung im Zeichen der Vergangenheitsbewältigung. Die Rezeption von Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“ in Spanien“

Sonntag:

Podiumsdiskussion (D): Günter Grass – Ansichten eines deutschen Schriftstellers. Podiumsgespräch mit Harro Zimmermann (Moderation, Radio Bremen), Jutta Limbach (Goethe-Institut, Präsidentin), Hendrik Birus (Jacobs University, Vize-Präsident), Eckhard Fuhr (DIE WELT, Redakteur), Per Øhrgaard (Kopenhagen Business School u. Übersetzer), Joachim Treusch (Jacobs University, Präsident)