Achter Newsletter

  November 2019 

Trommelwirbel

8. Newsletter Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen

 

Verehrte, liebe Literaturfreunde,es war in Paris, wo Oskar zu trommeln begann. Ein Erinnerungsstück, quasi die tragende Säule des damals entstehenden Romans „Die Blechtrommel“, steht nun in Bremen. Es – gewiss, nur ein Gegenstand – lädt ein zu Lesungen und Gesprächen. Ich wünsche mir, liebe Grass-Interessierte, dass Sie die Gelegenheiten dazu reichlich nutzen werden.Es grüßt Sie
Ihr Horst Monsees

Grass‘ Wörter

WAS UNS FEHLT
Vorwärts? Das kennen wir schon.
Warum nicht rückentwickeln, rasch
und ohne zu zeitweilen.
Jeder darf irgendwas mitnehmen, irgendwas. …
Endlich sind allen Daten gelöscht.
Keine Erbfolge mehr.
Angekommen sind wir steinzeitlich blank.  

Aus: „Der Butt“ (1977),

 

Ein letzter Blick auf ihren „Klassiker“: Das Ehepaar Schneider, sesshaft in Heidenheim mit Zweitwohnsitz in Paris, trennt sich von dem geschichtsträchtigen Schreibpult, das es vor Jahren restaurieren ließ.

 

Pariser Standbein eines Klassikers in Bremen  

Knapp neun Stunden dauert an diesem 29. Oktober die Fahrt im Kleinbus von Bremen nach Paris. Und noch kein Ende der Anreise in Sicht. Über zwei Stunden innerstädtischer Stau, bevor man spätabends endlich in der Avenue d’Italie 111 vor dem begehrten Möbelstück steht. Darauf hat Günter Grass also die Grundlage seines Weltruhms geschaffen, „Die Blechtrommel“ geschrieben, im Stehen! 1960, als der Literat mit Familie seiner Pariser Wohnung den Rücken kehrte, ließ er seinen hölzernen Diener zurück, ebenso eine Kommode und den alten Lederkoffer, in dem das Typoskript seines großen Romans bis zur Wiederentdeckung 1970 schlummerte.

Am nächsten Morgen das gleiche Pariser Spiel, nur im hellen Licht statt in Dunkelheit und mit einem sorgfältig platzierten Stehpult im Gepäck: Der Verkehr verkehrt kaum spürbar, stattdessen zerrt er am Geduldsfaden der Menschen. Wieder neun Stunden Autobahnritt – und am Ende, man weiß ja nie, lieber mit der Weserfähre statt über Straßen ans Ziel in Bremen-Nord gelangen, noch vor 19 Uhr muss die wertvolle Fracht ins Medienarchiv der Günter Grass Stiftung, der neuen Besitzerin, gehievt werden.

Zwei Tage später ist Premiere, und alle Mühen des Transportes haben sich gelohnt. Die Plätze im kleinen Veranstaltungsraum der Stiftung sind alle belegt, die Schauspieler/innen Franziska Mencz und Christian Bergmann treten vor das Stehpult und lesen dem Publikum aus Grass-Werken vor: das Blechtrommel-Kapitel „Unterm Floß“ und den „Briefwechsel“, den der Schriftsteller und politisch engagierte Bürger Grass mit dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt häufig und intensiv führte. Eine Lehr- und Luststunde für die Zuhörer/innen. Henning Scherf, Bremens Bürgermeister a.D., und Friedel Drautzburg, schon vor 1969 mit Grass Wahlkampfhelfer für eine SPD unter Willy Brandt, erinnerten sich vor allem an den großen Sozialdemokraten, der 1969 „mehr Demokratie wagen“ wollte, für seine Visionen lebte und unter dem schwerfälligen Regierungsapparat zu scheitern drohte.

„Fortschritt ist eine Schnecke“, diesen Grass’schen Vergleich mochte er nicht wirklich akzeptieren. Im Jahr 1970 kniete er unvermittelt vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto nieder. Es dauerte knapp 20 Jahre, bis die große Geste der Aussöhnung und des Friedens Früchte trug, auch Früchte einer weitsichtigen Politik: die Wiedervereinigung Deutschlands und ein zusammenwachsendes Europa. An die Blütezeit des überzeugten Europäers Brandt nach seiner Kanzlerschaft, auch daran erinnerten Scherf und Drautzburg.

 

Archiv intern

— Das Medienarchiv lebt von den engen Beziehungen zu den öffentlichen Rundfunkanstalten, die es mit Ton- und Filmdokumenten aus ihren umfangreichen Grass-Beständen versorgen. Jetzt erreichten uns vom SWR in Baden-Baden 360 Dateien in perfekter Qualität und mit den dazugehörigen Metadaten. Das stimmt uns froh und dankbar. Die Fundsachen beinhalten zum Beispiel ein Hörspiel aus dem Jahr 1959 von Günter Grass und Klaus Roehler „32 Zähne“ oder einen Beitrag aus 2002 „Zum 75. Geburtstag ein neuer Versuch: Schafft Günter Grass seinen Geburtstags-Kopfstand?“ Ja, er hat ihn gemeistert.
— Uns erreichte die Anfrage einer Politologin von der Universität Duisburg-Essen, die über den politischen Grass promoviert. Sie sucht Material zu seinen Wahlkampfaktivitäten von 1990 bis 2009 auf Bundes- und Länderebene. In dieser Zeit legte sich Grass für die SPD-Kandidaten Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier, Heide Simonis, Michael Naumann und Klaus Wowereit ins Zeug. In Bremen war er 2003 als Wahlkampfhelfer für Henning Scherf unerwünscht; er wurde wieder ausgeladen.
— Eine Geisteswissenschaftlerin der Universität Lettlands nahm Kontakt zu uns auf. Für ihre Dissertation über Hörbücher in Deutschland wünscht sie eine Recherche in einschlägigen Audio- und Videodateien unseres Medienarchivs. Einer ihrer Arbeitsansätze: Die Veröffentlichung einer Fragment-Lesung aus der Novelle „Im Krebsgang“ als DVD beziehungsweise Hörbuch noch vor dem herausgebrachten gedruckten Buch – ein Sonderfall der Vermarkung? 
       
Günter Grass? Ja, ja … 
Sigurd Kuschnerus, Bildender Künstler und Gründer der Kreuzberger Galerie Zinke, erinnert sich an eine Lesung mit Günter Grass in den 60er Jahren.
(Aus: Modern Art Film Archiv)

 

Ein unverhofftes Interview 
Es ist eine schöne Geschichte, die wir dank der Recherchen und Sammellust der Zeitung „Die Norddeutsche“ erzählen und bei uns „speichern“ können. Sie ereignete sich vor 66 Jahren im damals geteilten Berlin. An jenem denkwürdigen Tag des 26. Juni 1963 verkündete US-Präsident John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus seine Solidarität mit der Bundesrepublik: „Ich bin ein Berliner“. Schülerinnen und Schüler des Gerhard-Rohlfs-Gymnasiums in Vegesack hörten die Rede vor Ort mit, denn sie befanden sich gerade auf Oberstufen-Klassenfahrt. Es sollte nicht ihr einziges aufregendes Erlebnis an diesem Tag bleiben. Ein Mitschüler, Lothar Schirmer, hatte mal locker ein Interview mit Günter Grass vereinbart. Würde es klappen? Als Schirmer und sein Kumpel Hans Gehrke in der Karlsbader Straße am Roseneck standen, öffnete der schon berühmt gewordene Nachkriegsliterat tatsächlich die Tür.
Das Gespräch, für die Schülerzeitung „Echo“ eingeplant, führte Schirmer, der sich schon in jungen Jahren für Kunst begeisterte und später den renommierten Verlag Schirmer/Mosel gründen sollte. Grass, der gerade seinen Roman „Hundejahre“ abgeschlossen hatte, redete und rauchte viel – und er lächelte nur, als er nach einer möglichen Verfilmung der „Blechtrommel“ befragt wurde. Was von der Begegnung blieb, sind vor allem beeindruckende Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Grass, die Hans Gehrke beinahe profihaft angefertigt und entwickelt hatte. Zurück in Vegesack klebte der Abiturient fünf Fotos auf eine Sperrholzplatte, um sie in einer Ausstellung des örtlichen Touristenvereins öffentlich zu machen. Anschließend verschwand das Objekt auf dem Dachboden des Elternhauses. Gehrke verschlug es irgendwann in den Hochschwarzwald, heute ist er Dr.-Ing. So weit so gut.Jahrzehnte später taucht die Grass-beschichtete Sperrholzplatte an einer Straßenbahnhaltestelle am Buntentorsteinweg wieder auf. Sperrholz, mochte jemand gedacht haben, gehört zum Sperrmüll. Glücklicherweise entdeckt sie dort ein Mitarbeiter der „Norddeutschen“, erkennt den Wert und deponiert das Stück in seiner Redaktion. Jetzt hat uns die Zeitung die Fotos und vielen Negative mit Einverständnis ihres Urhebers zur Verfügung gestellt. Wir danken sehr für die Gabe, die nun unter dem Schutz eines Grass-Archivs steht.
Tipp 

„Eigentlich haben wir lebenslang an den gleichen Fronten gekämpft und an den gleichen Nüssen geknackt.“ Der Satz stammt von Peter Rühmkorf, der über Jahrzehnte mit Günter Grass gut befreundet war. Als der große Lyriker im Sommer 2008 starb, eilte Grass unverzüglich an sein Totenbett und zeichnete sein Profil. „Ich fand seine Stirn noch warm“, vermerkte Grass in seinem Tagebuch. Die Zeichnung ist wie das Plakat Bestandteil einer überaus sehenswerten Ausstellung, die unter dem Titel „Lass leuchten!“ bis zum 20 Juli 2020 im Altonaer Museum in Hamburg zu sehen ist – gewidmet dem Wortakrobaten, der am 25. Oktober 90 Jahre alt geworden wäre. „Ach Freund! Wer kümmert sich jetzt um deine Reime? Findling und Gründling, Eckensteher und Heckenspäher suchen verwaist einander, warten vergeblich auf dich, des Meisters kuppelnder Griff“, rief Grass dem Hamburger Poeten in einem letzten Gedicht „Verwaiste Reime“ nach. Rühmkorf, der Georg-Büchner-Preisträger, hatte bis kurz vor seinem Tod an seinem letzten Gedichtband „Paradiesvogelschiß“ gearbeitet. Zu einer Erfolgsgeschichte wurden seine Auftritte „Dichter auf dem Markt“, während der er seine Lyrik mit Jazz kombinierte: „Bleib erschütterbar und widersteh.“ In seinem Werkstattbericht „Sechs Jahrzehnte“ vermerkte Grass über Rühmkorf: „Wie gerne hätte ich ihn mitgenommen auf meine rückgewendete Reise zu den Grimms, nach Göttingen, Kassel, Berlin und in die Frankfurter Paulskirche, in Wortfelder, die wir beide beharrlich beackert hatten. Und auf die Kampfplätze unserer politischen Bemühungen.“