Briefwechsel, Blechtrommel und beredte Gäste

„Mehr Demokratie wagen“ – das war eine zentrale Botschaft, mit der vor 50 Jahren Willy Brandt als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler seine Amtsperiode begann. Kann heute, da sich die SPD im unteren Stimmen-Viertel bewegen muss, „Mehr wagen“ eine  Auferstehungsvariante sein? Und was wagen, um wieder zu winnen? Henning Scherf, früherer Bürgermeister Bremens, Sozialdemokrat und Buchautor, gibt sich skeptisch, was immer neue Konzepte, Papiere und ferne Reden anbelangt. „Man muss an die Leute ran“, sagte er während eines Vorlese- und Gesprächsabends des Medienarchivs Günter Grass Stiftung Bremen. Er verwies auf die sozialdemokratischen Bürgermeister in Kiel und St. Goar, die 60-Prozent-Plus-Wahlergebnisse erzielten, weil sie sich kümmerten, nah am Volk seien und um die Probleme und Befindlichkeiten der Bürgerinnen und Bürger wüssten. Willy Brandt wäre heute wohl keine Hilfe aus der SPD-Misere gewesen. Er ließ sich, da waren sich Scherf und der einstige Brandt-Wahlkämpfer Friedhelm Drautzburg einig, leicht entmutigen, wenn der Regierungsapparat mal wieder auf der Stelle trat und mit seinen Visionen und Utopien wenig anfangen wollte. „Der Fortschritt ist eine Schnecke“, wie Günter Grass, Mitbegründer der Sozialdemokratischen Wählerinitiative 1969, damals feststellte.

Wie mühsam bis quälend Regierungspolitik bisweilen vonstatten ging, zeigt ein Briefwechsel, den Grass und Brandt über viele Jahre intensiv führten. Die Schauspielerin Franziska Mencz las daraus vor – und zwar an einem antiken Schreibpult, das die Günter Grass Stiftung aus Paris nach Bremen holen konnte. Es stand in einer inzwischen schönen Hinterhofwohnung in der Avenue d’Italie. Dort hatte Günter Grass mit seiner Frau Anna von 1956 bis 1960 gelebt und das Möbelstück nach dem Umzug zurückgelassen. An jenem Pult schrieb Grass seinen ersten Roman „Die Blechtrommel“, mit dem er Weltruhm erlangte. Während der Veranstaltung in der Jacobs University Bremen las der Schauspieler Christian Bergmann aus dem vor 60 Jahren erschienenen Buch vor: das Kapitel „Unterm Floß“. Briefwechsel und Blechtrommel beeindruckten das Publikum gleichermaßen.