Gräfin, Grass und Freud

Trommelwirbel 

6. Newsletter Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen

Grass‘ Wörter

MITTEN IM LEBEN
denke ich an die Toten,
die ungezählten und die mit Namen.
Dann klopft der Alltag an,
und übern Zaun ruft der Garten:
Die Kirschen sind reif!
Aus: „Fundsachen für Nichtleser“ (1997), Steidl Verlag
Verehrte, liebe Literatur-Interessierte,Beeren im Überfluss und Hortensien als Augenweide, viel Licht und Sonne und das erste Sommerloch, in dem sich feste Termine und aufregende Nachrichten  angeblich rarmachen – all das gibt uns der Juni. Und er überzieht uns mit Hitzewellen, die dauerhaft nicht jedermanns/-frau Sache sind. Sie stressen vor allem auch die Natur. Günter Grass hat sich in seinem letzten Buch „Vonne Endlichkait“ dazu kurz und katastrophenhaft Gedanken gemacht: „Laut Wetterbericht meldet der Süden Fluten, trocknet der Norden aus. Touristen fliehen von dort nach hier und verklagen das Klima auf Schadenersatz.“ Für Hochtemperatur-Geplagte bleibt eine winzige Hoffnung: Mit dem Sommeranfang im Juni werden die Tage ganz allmählich wieder kürzer.
Schweißtreibend verlief übrigens auch der 5. Juni vor 20 Jahren. Damals gewann Steffi Graf zum sechsten Mal die French Open in Paris – ein legendäres Ereignis. Zwei Monate später beendete die „stille Majestät“, wie die Süddeutsche Zeitung die Ausnahmeathletin bezeichnete, ihre Karriere als Profitennisspielerin. Am 14. Juni diesen Jahres feierte sie ihren 50. Geburtstag. Was das alles mit Günter Grass zu tun hat? Sie werden es hier erfahren.
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Lektüre.Horst Monsees
Buch als Gedächtnis und Abenteuer Die Überraschung kam per Post: Dr. Herbert Antl, einst Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, schickte uns dieser Tage das Tonband eines unveröffentlichten Interviews mit Günter Grass zur freundlichen Verwendung für unser Medienarchiv. Dafür danken wir herzlich. Das Gespräch wurde 1993 nach einer Grass-Lesung in Berlin für eine geplante, aber nie realisierte Sendereihe mit dem Arbeitstitel „Was lesen Autoren?“ aufgenommen. Grass erzählt darin über die Literatur als differenziertes Gedächtnis von Gesellschaften, über das Abenteuer Buch und die Freude am Lesen und Vorlesen, die durch die „Interpretationssucht“ etwa an den Schulen eher getrübt werde. Vor allem berichtet er über seine Zeit in Paris ab 1956, als er mit der Niederschrift der „Blechtrommel“ begann, über seine komplizierte Freundschaft mit Paul Celan. Und er spricht über französische Schriftsteller im Allgemeinen sowie im Besonderen über Albert Camus, dessen Interpretation von Sisyphus als glücklichen Menschen er sich zu eigen machte. Sie alle waren für ihn „stilprägend“.
Wenn der Juni Schatten spendet, möchte man doch in sommerlicher Frische der Leselust frönen. Wer bei der Suche nach Anregungen vor dem Schaufenster der Bremer Buchhandlung Melchers stehenbleibt, entdeckt zugleich ein farbenprächtiges Plakat, das aus einem Aquarell und Gedicht von Günter Grass besteht:
„Vor der Abreise. Weil wir nicht Ruhe finden, verplaudern zwei leere Stühle, die rot im Grünen stehn, den Abend.“
Siegertypen 

In „Mein Jahrhundert“ bemalte Günter Grass anno 1985 mit Tennisschläger und Nutella-Brot. Und bemerkte dazu: „Mach mir ja sonst nicht viel aus Tennis, dieses ewige Hin und Her, aber geguckt haben wir schon, oft stundenlang, als die Bühlerin und der Leimener, wie es geheißen hat, immer größer herauskamen.“ Mit Bühlerin war Steffi Graf gemeint, für die Grass im Folgenden weniger freundliche Worte fand. 14 Jahre später allerdings trafen „Fräulein Vorhand“ und der „alte Republikaner“, wie „Die Welt“ titelte, im spanischen Oviedo zusammen. Auf großen Sesseln saßen sie im Scheinwerferlicht nebeneinander. Ihnen wurde der renommierte Prinz-von-Asturien-Preis verliehen – als Anerkennung für und Respekt vor der Lebensleistung der beiden Deutschen. Die Graf, die auch wegen ihrer Stiftung für Not leidende und im Krieg misshandelte Kinder geehrt wurde, hatte in Paris gerade ein schier unglaubliches Comeback erlebt; der Grass, dem eine Menschenmenge vor dem Campoamor-Theater enthusiastisch applaudierte, wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass er wenige Wochen später den Literaturnobelpreis erhalten würde. Zwei Siegertypen eben.

Steffi Graf und Günter Grass bei der Preisverleihung in Spanien
Buchtipp 

Hermann Hesse hat zu seiner Zeit Italien-Reisende in Kategorien unterteilt. Über die innigsten und besten schrieb er: „So langsam durch den Kuchen fressen, dass sie niemals fertig werden“. Zu diesem Typ zählt der Bremer Journalist und Literaturexperte Jörg-Dieter Kogel unbedingt Sigmund Freud. Kogel, der auch Vorstandsmitglied der Günter Grass Stiftung Bremen ist, hat ein entzückendes Buch geschrieben, das jetzt im Berliner

Aufbau Verlag erschienen ist: „Im Land der Träume – Mit Sigmund Freud in Italien“. Der Anblick des Südens, meint der Autor, sei für den berühmten Psychoanalytiker ein nahezu vollkommenes Glück gewesen. Mit seinen Reisen zwischen Südtirol und Sizilien hätten sich für den Mann, der mit Traumdeutungen berühmt wurde, seine persönlichen Träume erfüllt. Kogel schildert das sehr eindrucksvoll: in Briefen und Äußerungen Freuds, in Begegnungen mit seinen Zeitgenossen und Querverbindungen zu berühmten Dichtern und Denkern, die Italien bereisten, und nicht zuletzt in Beschreibungen von Orten und Plätzen, die Freud aufsuchte. Das an Anekdoten und historischen Fakten reiche Buch besticht schon mit seinem fröhlichen, sommerlichen Einband, mehr noch durch die sprachliche Eleganz und  wohltuende Sachkunde des Verfassers. „Im Land der Träume“ ist eine empfehlenswerte Sommerlektüre – Nebeneffekt: Es macht Italien-Laune.