Vierter Newsletter

 

Grass‘ Wörter

„Die behördliche Liebe zu Alpenveilchen und Becherprimel ist gesamtdeutsch. Was uns Deutsche verbindet, ist das immerfort blühende Fleißige Lieschen. Was weg muß, muß weg, doch hüten wir uns davor, Topfpflanzen, die immerhin Mauer und Stacheldraht überlebt haben, brutal abzuwickeln.“   Zitat von Fonty in „Ein weites Feld“ (1995), Steidl Verlag

 

Verehrte, liebe Literatur-Interessierte,er war ein großer Parlamentarier, ein engagierter Bürger, ein liebenswerter und interessierter Mensch, der sich vor allem auch der Kultur sehr aufgeschlossen zeigte: Christian Weber, Bremens Bürgerschaftspräsident und langjähriges Vorstandsmitglied unserer Stiftung, ist am 12. Februar gestorben. Wir verlieren mit ihm einen nimmermüden Förderer. Er hielt unsere Einrichtung nicht nur für unverzichtbar in Bremens reicher Archivlandschaft, er sah in ihr geradezu einen „Leuchtturm“, für dessen Strahlkraft er sich einsetzte. Günter Grass war für Christian Weber ein bedeutender Literat, den er bewunderte, und eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Er betonte immer wieder, dass er über deutsche Vergangenheit und den Nationalsozialismus nicht in der Schule, sondern über die Bücher der bekannten Nachkriegsliteraten aufgeklärt worden sei. Grass und sein Werk machte er dafür verantwortlich, dass er sich als junger Mann politisch interessierte und organisierte. Und er empfand es als Bereicherung, mit dem Dichter und Denker auch persönlich in Kontakt zu kommen. Ob Ausstellungen, Lesungen oder Gespräche – Christian Weber hat Grass gerne eingeladen, Günter ebenso wie seine Frau Ute. Und selbstverständlich ließ er sie sich ins Gästebuch des Hohen Hauses eintragen.
In Erinnerung an Christian Weber veröffentlichen wir Auszüge aus seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Der politische Grass“ im November 2010 im Haus der Bürgerschaft.
Übrigens: Wie dem jungen Weber seinerzeit ging es vielen Menschen, die mit dem Ende des Krieges einen neuen Sinn im Leben danach suchten. Der 1939 geborene Publizist und Politologe Johano Strasser erklärte einmal: „Katz und Maus und Die Blechtrommel – zwei Bücher, die mir, der ich an einem drittklassigen Gymnasium über Wiechert und Bergengrün nicht hinausgelangt war, in einem sehr konkreten Sinn die Augen öffneten. Ich sah die Welt fortan anders. Der Autor Grass bot eine andere, die gängige subversiv aushöhlende Lesart der Gegenwart und der in ihr verborgenen und verleugneten Vergangenheit. Grass lesen bedeutete, sich von interpretatorischen Fesseln zu befreien.“
Hatte Katz und Maus, die 1961 erschienene Novelle, in der Grass unter anderem den Ritterkreuz-Kult der Lächerlichkeit preisgibt, etwas Befreiendes? Vermutlich nur für eine Minderheit. Denn von der Zeitschrift Das Ritterkreuz bis zu Henri Nannen empörte man sich über die vermeintlichen Obszönitäten in dem Buch, beklagte die „Diskriminierung des Soldatischen“ und überhaupt, das Werk verdiene es, mit der Zange angefasst zu werden. Die Zeit war offenbar noch immer nicht reif für Schuldbekenntnisse, für Erkenntnisse aus der Vergangenheit mit der schweren NS-Last. Im Gegenteil: Der Journalist Willi Winkler hat jetzt in Das braune Netz dargelegt, wie die allgegenwärtige Bereitschaft zum Verdrängen und Vergessen die Entwicklung der jungen Bundesrepublik bestimmte. Und so zeigt der Autor und bekräftigt im Untertitel seiner Abhandlung: Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde. Und zur Demokratie!Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!Horst Monsees
(Geschäftsführer Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen)

Aus dem Medienarchiv

Während eines internationalen Kongresses „MedienGrass“ in der Jacobs University Bremen im September 2007 las Günter Grass aus seinem 1980 entstandenen Werk „Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus“. Die hochkarätig besetzte Veranstaltung fand anlässlich des 80. Geburtstages des Literaturnobelpreisträgers statt. Das Video können Sie ansehen:

Schnecke und Hahn
von Christian Weber 

Günter Grass – da denke ich nicht nur an seine Romane wie die Blechtrommel. Ich denke nicht nur an seine anfänglichen Einwände zur Deutschen Einheit, die er als voreilig empfand – oder eben an seinen passionierten Wahlkampf für Willy Brandt. Ich denke dabei auch an seinen Einsatz für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschland, an seine Reisen nach Indien, Asien und Nicaragua und den damit verbundenen Kampf gegen Hunger und Elend. Ich denke an seine Appelle gegen Umweltzerstörung und gegen politische Resignation.

Wir haben der Lebensklugheit und -weisheit von Günter Grass viel zu verdanken. Die Erkenntnis beispielsweise, dass der Fortschritt nur langsam voran geht. Deswegen hat er diesen quasi zur Schnecke gemacht, die Schnecke zu seinem Markenzeichen erkoren. Und der SPD übrigens hat er als „Bürger für Brandt“ einen Hahn vermacht. Beide Tiere finden Sie unten in unserer Ausstellung wieder.

Günter Grass hat in der Nachkriegszeit die parlamentarische Demokratie als hohes Gut erkannt und auch benannt. Ihr ist er treu geblieben und hat sich sowohl gegen rechts- wie auch linksextreme Gesinnungen ausgesprochen. Für seine Überzeugungen hat er kein Blatt vor den Mund genommen. Dafür musste er sich häufig öffentlicher Häme und Kritik aussetzen. Warum also das ausdauernde politische Engagement? Warum das Augen-Öffnen um jeden Preis? Warum die Ablehnung revolutionärer Ideologien?

Nun. Grass hat, wie so viele seiner Zeitgenossen etwa Hans Magnus Enzensberger, Heinrich Böll und Siegfried Lenz, in jungen Jahren das Grauen erlebt. Zuerst im Krieg. Und etwas später, als er erkannte, dass er mit seinem kindlichen Glauben an die NS Propaganda einem fatalen Irrtum aufgesessen war. Er hat gelernt, wie kurz der Weg von der radikalen Ideologie zur Diktatur ist. Ein weiteres Schlüsselerlebnis: Grass wird 1953 Zeuge des Ostberliner Arbeiteraufstands. Er spürt den verzweifelten Kampf der Arbeiter hautnah mit – auf sich allein gestellt, ohne Unterstützung des Bürgertums und der federführenden Intellektuellen im Lande.

Ich freue mich besonders darüber, dass der „politischen Grass“ hier in der Bürgerschaft einen angemessenen Raum bekommt. Und das ist, wenn ich das einmal erwähnen darf, parteiübergreifend und einmütig im Vorstand der Bürgerschaft so beschlossen worden. Ich finde, der politische Grass ist gut aufgehoben in dem Parlament der Freien Hansestadt Bremen, ein Bremen übrigens, das durchaus ein ambivalentes Verhältnis zu Grass pflegte. Ich meine zudem, dass Grass mit seinem Verständnis von Bürgerpflicht gut nach Bremen passt. Immerhin blickt diese Stadt auf eine lange Tradition des bürgerschaftlichen Gemeinwohls. Und ich, der dem Vorstand der Günter Grass-Stiftung anhören darf, freue mich natürlich besonders, weil ich selbst von Grass beeindruckt bin – von seinen Werken, von seiner Offenheit und Kreativität, von seiner ansteckenden, positiven Wortgewalt und nicht zuletzt von seiner Persönlichkeit.

Glücklich ist, wer vergisst …  
Willi Winkler und sein Werk      (c) Jens Gyarmaty
Der vielfach preisgekrönte Journalist und Autor Willi Winkler („Zeit“, „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“) hat kurz vor dem 70. Geburtstag des Grundgesetzes eine schonungslose  Betrachtung der Gründungsgeschichte und Anfangsjahre der Bundesrepublik vorgelegt. In seinem neuen Buch „Das braune Netz – Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde“ schreibt Winkler über undemokratische Anfänge, das Einfach-Weitermachen, über das Verschweigen des Vergangenen und über das Phänomen, sich keiner Schuld bewusst zu sein. Es geht um Menschen, die ihre Karrieren im NS-Staat begonnen hatten und mehr oder weniger bruchlos in Führungspositionen der neuen Bundesrepublik fortsetzten. Willi Winkler schreibt: „Der Umbau von der Diktatur zum Rechtsstaat war die Stunde der Politik mit Zügen einer tragischen Operette: Glücklich ist, wer vergisst.“
Der Autor wird auf Einladung unserer Stiftung sein Buch in Bremen vorstellen: 24.April 2019, 19.00 Uhr, Institut français Bremen, Contrescarpe 19. Merken Sie sich am besten den Termin vor; eine Einladung folgt.
Wer sich ins Antiquariat oder ins Internet begibt, stößt auf Bücher, die selten auf Bestsellerlisten und eher abseits der Literaturkritik standen. Eines davon: „Fünf Grass´sche Jahreszeiten – von dem Mädchen, das immer so leicht errötete“. Eine nette Geschichte über eine noch relativ junge Familie: Anna und Günter Grass mit vier Kindern. Margarethe Amelung, die Autorin des Buches, war vor über 50 Jahren „Haustochter“ bei den Grass’ens in Berlin. Eine schöne Episode aus ihren Erinnerungen von 2007:
„Einen besonders guten Gänsebraten, das Leibgericht von Ernst Bloch, bereitete Günter Grass an einem Sonntag zu. Während er sorgfältig die Gans im Ofen begoss, sagte er: ‚Herr Bloch ist ein großer Philosoph in unserer Zeit!‘ Er schien stolz zu sein, diesen Mann zu Tisch bitten zu können. Der alte Herr nahm Platz im Grass’schen Familienkreis und ließ sich die saftige Gänsekeule schmecken. Seine Frau nahm rege an der Unterhaltung teil. Dafür verhielt sich der erwachsene Sohn schweigsam und zurückhaltend. Günter Grass und Ernst Bloch waren guter Stimmung, verstanden sich ausgezeichnet, und der Koch konnte von dem großen Mann ein dickes Lob einstecken für seine Gänsebratenkunst. Die Kinder und ich haben dem übrigen Gespräch und den Erzählungen Blochs voller Spannung zugehört. Wir hatten alle hochrote Köpfe. Viele Einzelheiten habe ich mir nicht gemerkt. Nur so viel blieb mir in vager Erinnerung. Zum Gänsebraten waren kandierte Maronen auf Rotkohl serviert worden, und Bloch brachte plaudernd zuerst Karl Marx, später Karl May und am Ende sogar Hänsel und Gretel mit unserer Mahlzeit in Verbindung. Daran hatten die Großen und die Kleinen gemeinsam ihren Spaß.“

 

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