Zweiter Newsletter


Grass‘ Wörter

„Eigentlich
wollten wir in die Pilze gehen.
Dann aber fanden wir uns
reichlich nahbei
und dicht bei dicht
.“
Aus „Letzte Tänze“ (2003)

Im Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen sind uns Filmaufnahmen und Stimmen von und über Günter Grass sehr vertraut. Es sind häufig schöne Stimmen, die die vielfältige Prosa und Lyrik des Schriftstellers ebenso darstellen wie sein bildhauerisches und grafisches Werk. Grass hat sich immer mal wieder vom Klang experimenteller Musik durch seine Lesungen tragen lassen. Ein Hörgenuss ist beispielsweise eine satirische Wahlkampfrede „Wut über den verlorenen Milchpfennig“ von Grass, begleitet von Flöte und Piano. Was eigentlich fehlt im Gesamtverzeichnis, ist die orchestrale Vertonung eines größeren Stückes des Literaturnobelpreisträgers.
Dem italienisch-israelischen Komponisten Luca Lombardi sind Begegnungen und Erinnerungen mit Günter Grass aus der gemeinsamen Zeit in der Akademie der Künste in Erinnerung. Der hoch angesehene Vertreter zeitgenössischer Musik, der inzwischen über 150 Werke komponierte, spielte lange mit dem Gedanken, eine Grass-Komposition zu schaffen. Unsere Stiftung möchte ihn nun in seinen Plänen unterstützen. Denn ein Kunstprojekt entsteht selten aus sich alleine heraus, sondern kostet neben Können und Kreativität auch Geld.


Ein erstes Treffen mit Lombardi, der am Heiligabend 1945 geboren wurde und die Deutsche Schule in Rom besuchte, hat stattgefunden. Im Literaturhaus-Café in Berlin erzählte er von seiner Neugier und Offenheit für experimentelle Musik. Und er fügte hinzu, dass er wie Grass stets ein politisch interessierter und auch engagierter Mensch gewesen sei. Einst überzeugter Marxist promovierte er über den Komponisten und Musiktheoretiker Hanns Eisler und wurde 1973 Meisterschüler von Paul Dessau in Ost-Berlin. In seinen Kompositionen setzt sich Lombardi mit Macht und Gewalt auseinander, beschäftigt sich mit der widersprüchlichen deutschen Vergangenheit – einerseits als große Kulturnation und andererseits als eine der niederen Barbarei durch den Nationalsozialismus. Geschehen etwa in seinem Streichquartett „Warum?“ aus sieben Sätzen, in dem er sich auf Robert Schumann und seine Fantasiestücke op. 12 bezieht.
Musik, sagt Lombardi, sei Denken in Tönen über das Leben. Was ihn im Grass-Universum reizen würde? Die Vertonung von Geschichten aus „Letzte Tänze“ etwa, ein Buch der Erotik, vor allem auch der Melancholie. Oder von Versen aus seinem letzten Gesamtkunstwerk „Vonne Endlichkait“. Unsere Stiftung ist gewillt, die Kompositionsidee nicht der Vergänglichkeit anheim fallen zu lassen, sondern auf einen Umsetzungstermin hinzuwirken: Oktober 2022, 95. Geburtstag Günter Grass, Uraufführung in Bremen.


Erste Begegnung und wachsende Sympathie 
von Joachim Treusch

Januar 2007  –  ich war als neuer Präsident der International University Bremen ex-officio Mitglied des Vorstandes des Medienarchivs Günter Grass Stiftunggeworden  –  fuhr ebendieser Vorstand ins Lübecker Grass-Haus, um Günter Grass dort zu gemeinsamer Sitzung zu besuchen.  Ich trug einige Vorurteile vom meinungsstarken Meister kraftvoller literarischer und politischer Äußerungen, der gelegentlich auch unwirsch bis grob sein konnte, mit mir herum. Die hatten meine Freude an seinen Büchern ein wenig eingefärbt. Deshalb hielt ich mich zu Beginn der Sitzung schweigend zurück. Nach etwa zwei Stunden recht intensiver Diskussion brach Günter Grass mein Schweigen mit der spontanen Bemerkung: „Herr Professor, das geht nun nicht, dass Sie hier sitzen und nur lächeln und schweigen! Erzählen Sie mal, was Ihre Universität so treibt.“ Ich erzählte also von den jüngsten Entwicklungen, unter anderem von meinen Bemühungen, auch Studierende aus China einzuwerben. In der weltweit asymmetrischen Bevölkerungsentwicklung stecke ein Problem, dem nur durch Öffnung sinnvoll zu begegnen sei. Hier fiel mir Günter Grass ins Wort: „Kennen Sie mein Buch Kopfgeburten?“ Auf meine Antwort: “Ja.“ kam die seine: „Das macht nichts. Ich lese Ihnen trotzdem was daraus vor.“ Zum Erstaunen des Vorstands, der das noch nicht erlebt hatte, zog er ein abgegriffenes Exemplar seines Buches aus dem Regal, fing an zu lesen und schlug uns für fast eine halbe Stunde mit seiner unverwechselbaren, kaschubisch getönten Stimme in seinen Bann. Dass er uns danach noch einen Tee mit Rum servierte, vervollständigte für mich den Eindruck, hier einen genialen Menschenfänger erlebt zu haben. Wir fuhren beschwingt zurück nach Bremen.
Erst später kam mir die Idee, ihn brieflich um ein signiertes Exemplar der Kopfgeburten zu bitten. Die Antwort kam mit einiger Verspätung, die er völlig unprätentiös damit begründete, er habe sich erst ein unversehrtes Exemplar beim Verlag besorgen müssen.
Die Mischung aus unprätentiöser Freundlichkeit und überwältigender intellektueller und sprachlicher Präsenz habe ich zusammen mit dem Vorstand bis zu seinem Tode immer wieder geniessen dürfen, insbesondere, wenn er uns in seinem Haus in Behlendorf empfing, sich beim persönlich eingeschenkten Tee unsere Arbeit in der Stiftung schildern liess und selber mit geradezu stupender Belesenheit und aktueller politischer Kenntnis seine Sicht der Dinge vor uns ausbreitete. Anschließend haben wir uns dann meistens noch in seinem Atelier umschauen dürfen, seine neuesten Radierungen oder seine Plastiken bewundert. Weder diese noch er hatten etwas Grobes. Sensibilität und Empathie waren die besseren Worte für ihn und seine Arbeiten. Dass er uns die persönliche Nähe gestattete, dies zu erfahren, war besonders für jene von uns, die ihm nicht schon aus längerer Begleitung eng verbunden waren, ein großes Geschenk. Etwas davon in der Stiftung weiterzutragen, ist eine gerne übernommene Verpflichtung.

Prof. Dr. Joachim Treusch, ehemals Präsident der Jacobs University Bremen, gehört dem Vorstand der Günter Grass Stiftung Bremen an. Er ist Physiker, Wissenschaftsmanager und Vorsitzender der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung.


Aus dem Medienarchiv

Es klappert die alte Olivetti von Grass im Hintergrund. Sie hören einen Ausschnitt aus einer ungewöhnlichen Fundstück aus unserem Medienarchiv: „Als ich 32 Jahre alt war, wurde ich berühmt“ – eine „akustische Collage“ von Radio Bremen, die 2001 gesendet wurde.

Den Ausschnitt finden Sie hier.


Rührend und aufwühlend  

„Die Dorns waren eine Insel im Meer der Traurigkeit, aber die durfte niemand sehen. Farben stimmen froh, und Frohsinn braucht der Schausteller.“ Das schreibt Ursula Krechel über eine deutsche Sinti-Familie, deren Schicksal im Nationalsozialismus und in der jungen Bundesrepublik nach dem Krieg einen Schwerpunkt in ihrem neuen Roman „Geisterbahn“ bildet. Die einfühlsam erzählte und aufwühlende Geschichte las sie jetzt über eine Stunde lang im Haus der Wissenschaft vor. Eingeladen hatte die renommierte Schriftstellerin die Günter Grass Stiftung Bremen, deren Namensgeber ein großer Freund und Förderer der Sinti und Roma war. Das Publikum hörte ganz leise und manchmal vor Rührung den Tränen nahe der Autorin zu, bedankte sich am Ende mit langem Applaus. Natürlich kenne Sie Günter Grass persönlich, betonte Ursula Krechel im Gespräch. Viele Jahre lang hätte sie mit ihm und anderen Literaten Tür an Tür in Berlin zusammengelebt – in der sogenannten „Schriftstellerkolonie“ Friedenau. „Grass war damals immer ein großzügiger Gastgeber und angenehmer Gesprächspartner.“
Am Ende von „Geisterbahn“ heißt es: „Alfons Dorn, den Mann, den man nicht mehr Zigeuner nennen darf und trotzdem so nennt.“ Günter Grass ahnte es schon 1997, als er gemeinsam mit seiner Frau Ute die „Stiftung zugunsten des Romavolkes“ gründete: Das Unrecht gegenüber dieser Volksgruppe halte bis heute an.

Das Foto zeigt Ursula Krechel in einer Zeichnung, die Marietta Armena während der Lesung anfertigte.


Jugendbuch über den kleinen Grass

Günter Grass war ein wunderbarer Vorleser, für jedes Publikum, für seine Kinder und die Enkelkinder. Es ist gewiss nicht einfach, jungen Menschen das Werk des Literaturnobelpreisträgers näherzubringen. Mit dem Jugendbuch „Bucheckern, Bernstein, Brausepulver“ gelingt das sehr gut – verständlich und anregend in der Sprache, anschaulich und liebevoll in den Illustrationen. Allerdings sollten gewisse Grundkenntnisse über den Dichter und Erfinder der Blechtrommel zumindest beim Vorleser vorhanden sein. In dem Buch wird Grass’ Kindheit in Danzig von 1934 bis 1939 erzählt, die geprägt war vom heraufziehenden Nationalsozialismus. Es zeigt, wie sich Familie, Nachbarn und Grass selbst mit dem Regime arrangierten, ja auch identifizierten. Der 48-seitige Band stellt unter anderem einen geheimnisvollen Kunden im Kolonialwarengeschäft von Willy Grass vor, schildert wie Günter mit einer Gans durch Danzig wandert und berichtet, was so alles passiert zwischen Beethoven und Hitler. „Bucheckern, Bernstein, Brausepulver“ ist im Riedel-Verlag erschienen und kostet 18 Euro – es macht Lust auf Lesen und Vorlesen.

TIPP

„Erfolgsroman“ heißt das neue, hochgelobte 600-Seiten-Werk von Gerhard Henschel. Darin setzt der Autor die Familien-Chronik seines Protagonisten Martin Schlosser fort und ist in den 90er Jahren angelangt. Faszinierend und frech sind seine Geschichten und seine Sprache. Die Günter Grass Stiftung Bremen hat Gerhard Henschel eingeladen. Am 16. Januar 2019 wird er um 18.30 Uhr aus „Erfolgsroman“ vorlesen. Der Ort wird noch bekanntgegeben. Zu Günter Grass hat Henschel übrigens eine kritische Distanz gepflegt. In seinem Roman beschreibt er Grass und andere Nachkriegsliteraten als „Großschnarchnasen“.